Aus Liebe...geschieden

Ein unverständlicher und unlogischer Titel…, das weiß ich im Voraus. Ich versuchte erfolglos mehrmals einen anderen Titel zu suchen. Falls ein Leser einen passenden Titel findet, dann bitte ich ihn darum. Es ist die Wahrheit, es ist die Realität! Und so ist die Schönheit des Lebens, dass wir manchmal unfähig sind, das Leben zu verstehen.
Stimmt es, dass es nur manchmal ist oder ist es schon oft? Und es auch schön so! Sonst wäre das Leben langweilig, wenn ALLES nach unserer Logik laufen muss. Dann weiß ich am Morgen, wie mein Tagesablauf aussieht, keine Überraschung und keine Herausforderung. Dann wären wir noch in der Steinzeit geblieben.
 
Ohne viel zu philosophieren soll ich diese erstaunliche Geschichte erzählen. Und wie alle Geschichten der 1001-Nacht mit „Es war einmal,…“ anfängt, fange ich auch meine Geschichte heute paar Jahrhunderte später als das Original. Aber es dürfte zur gleichen Sammlung passen.
 
Es war einmal ein afghanischer Junge, der in Deutschland aufgewachsen ist. In seiner Kindheit hörte er von seinen Eltern, wie schön es ist, aus der Heimat eine Ehepartnerin zu haben. Wie treu und lieb sie sind? Wie toll die Damen beim Haushalt sind? Wie verständnisvoll sie sind? Und die Presse in Deutschland hat ihn auch ständig, fast tagtäglich, über die afghanischen Frauen informiert. Wie gehorsam sie sind? Wie unterdrückt sie sind? Wie ungebildet sie sind? Wie vermummt sie sind? Der Junge konnte sich nicht orientieren. Wie kann er sich entscheiden? Er bekommt durch die Informationen drei verschiedene Frauenbilder:
Das Bild der Eltern ist vollkommen anders als das von der Presse, fast aus verschiedenen Planeten stammend, dazu das Bild seiner eigenen afghanischen Mutter, die für ihn die Realität darstellte.
 
Etwa 400 km von der Familie entfernt, immer noch in Deutschland, aber in einem anderen Bundesland, lebte eine afghanische Flüchtlingsfamilie. Auch die Tochter ist hier in Deutschland aufgewachsen. Fast die gleichen Familienkonstellationen. Bei einer Hochzeit von gemeinsamen Freunden und Verwandten haben die Familien sich kennengelernt, die beiden Mütter haben sich sympathisch gefunden. Bis jetzt keine Gefahr! Während des Gesprächs erkannten sie, dass sie beide Kinder im heiratsfähigen Alter haben. Und wie der Leser es verstanden hat, ist es auch passiert. Warum nicht?!
 
Die Mütter erzählen den Kindern und den Ehemännern über den tollen passenden Fund! Junge und Mädchen zeigen sich scheu, aber willig. Zwei nette traditionelle Pflichtbesuche der Familien mit organisierten Chancen des kurzen Kennenlernens des jungen Paares. Und auch die Kinder finden sich sympathisch. Und wie die tollen 1001-Nacht-Geschichten enden wird die Hochzeit gefeiert. Und bald ist das Kind auch da!
Ein Bilderbuchende! Aber leider unsere Geschichte endet nicht hier, sonder es sind paar Details noch zu erzählen! Und weil ich fast nur mit dem Mann den Kontakt hatte, kann ich nur aus seiner Sicht die Details darstellen. Darum bitte ich um Verzeihung bei allen Damen, die das kritisieren wollen.
 
Und weil beide geheiratet haben, dann werde ich ab jetzt über den Mann und über die Frau erzählen. Auch meine Erzählung soll lebendig sein und mit der Familie wachsen und reifen. Der Mann sagt, er hat eine ganz andere Art von Ehefrau bekommen! Weder ein Abbild der eigenen Mutter, noch diese Horrorfrau aus der Presse. Und es war Gott sei Dank auch richtig so! Ich habe meine eigene Ehefrau bekommen, die zu mir passt. Afghanische Tradition auf beide Seiten von den Großfamilien und deutsche Elemente der Freiheit und Offenheit von der Schule. „Toll!“ dachten wir beide. Es gab kein Grund für großartige Probleme oder Familienstreit. Wir haben unsere eigene schön eingerichtete Wohnung in der Stadt, wo ihre Eltern leben, ich habe meinen gutverdienten Beruf, meine Frau geht weiter zur Schule. Ich besuche alle 6-8 Wochen meine Eltern mit oder ohne meine Frau. Sie selbst bestimmt, ob sie mich begleiten möchte oder nicht.
 
Und weil das Leben voller Überraschungen ist, ist die Mutter des Mannes krank geworden und er wollte sie besuchen. Seine Frau hatte Prüfungen gehabt und konnte ihn nicht begleiten. Und weil es der Wunsch seiner Mutter war, nahm er das Kind mit. Und jeder dachte, es ist gut so!
Oma sieht das Enkelkind und die Ehefrau kann sich auf ihre Prüfungen besser vorbereiten. Neben dem Lernen kam ein unvorsehbarer Ausrutscher der Frau. Der Mann kommt zurück und findet seine Frau nicht daheim.
Der Mann erzählt mir unter Tränen: „Sie möchte das Kind abholen und weiter bei ihrem Freund leben.“  Was für ein Schock! Der Mann rennt zu den Schwiegereltern, versucht zu verstehen. Die Schwiegereltern schweigen, auch sie verstehen gar nichts.
 
Der Ehemann entschied mit seinen Schwiegereltern, das Kind bleibe bei ihnen und die Mutter kann es dort besuchen. Jeder hatte gehofft, vielleicht kommt sie zur Besinnung. Aber es war nicht der Fall. Auch seine Schwiegermutter konnte es nicht ertragen, ihre Tochter zu empfangen, solange sie in Sünde lebt. Die einzige Lösung hatte der junge Mann:
Er wollte sich von seiner Frau scheiden lassen, damit sie den anderen heiratet und nicht mehr in Sünde lebt. Ich habe meinen eigenen Ohren nicht geglaubt.
 
Es stimmt! Älter werde ich. Aber Halluzinationen haben sich beimir noch nicht bemerkbar gemacht. Wie bitte?
Er möchte sich scheiden lassen, nicht weil die Frau fremd gegangen ist, auch nicht damit er seine Ehre verteidigt, auch nicht weil er sich rächen möchte? Nein! Nur weil er seine Frau nicht weiter in Sünde leben lassen möchte.Sie ist auch ein Mensch und hat das Recht zu leben, wie sie es will, war seine Antwort. In diesem Moment habe ich es begriffen, es ist die Moral der Ritterlichkeit! Was leider heute ganz selten zu finden ist. Ich musste meine Respekt diesen Jungen zeigen: Ich bin aufgestanden und habe ihn umarmt! Ich bin stolz, so eine Person kennen gelernt zu haben. Ich habe es gespürt, wir beide haben schwer mit den Tränen gekämpft.
 
Seine Ritterlichkeit ist grenzenlos! Früher hatte man sich geopfert für die Werte, heute opfert mein Ritter seine Familie für die Ehre! NEIN! Nicht für SEINE Ehre, sondern für die Ehre der Mutter seines Kindes.Der Junge ist so reif geworden, dass er nicht für sich entscheidet. Er entscheidet sich auch nicht für seine Kultur, auch nicht für seine deutsche Gesellschaft. Beide entscheiden sich manchmal auf eine brutale Art und Weise: Man nennt es Ehrenmord oder hier wird es auch Familiendrama bezeichnet. Am Schluss ist es Rache und Selbstjustiz, was in keiner Religion erlaubt ist. Ihm war die Würde der Mutter des Kindes wichtiger. Und ich versank tief in meinen Gedanken: Würde - Mutter – Kind!
 
Wie viele Personen werden blind, wenn sie diese drei Elemente in dieser Reihe denken werden. Die Würde ist verletzt und die Aktion ist barbarisch. Aber dieser Junge, dieser Mann ist jetzt ein VATER geworden und denkt in einer andere Reihe: Kind – Mutter – Würde!
Ja, er ist Vater, der für sein Kind Verantwortung trägt und für das Kind handelt.
 
Und es ist Zeit, dass auch meine Erzählung reift, dann werde ich von jetzt ab über den Vater und über die Mutter erzählen.
 
Als Vater kam der Mann in einer Phase der Selbstlosigkeit: Sein Kind ist das Wichtigste. Und das Kind braucht eine Mutter, die es respektieren muss und kann. So hat der Prophet –Friede sei mit ihm- uns beigebracht, die Mütter dreifacher besser zu begleiten als die Väter. Und wie könnte eine Mutter diese bessere Begleitung verdienen, wenn sie in Sünde lebt? Damit versuchte er die Mutter zur Besinnung zu bringen und weil es nicht klappte, blieb dem ritterlichen Vater die Befreiung der Mutter durch die Scheidung. Dann bekommt sie die Chance, den Mann zu heiraten und ihre Sünde zu beenden. Dann hat sie die Möglichkeit der Reue und Korrektur ihres Lebens. Und das Kind bekommt eine sündenfreie liebe Mutter. Der Vater schaffte einen schweren harten SPAGAT, damit das Kind nicht den SPAGAT machen muss.
 
Ich versuchte einen anderen SPAGAT zu tun: Die mögliche Versöhnung unter den Eltern zu Gunsten des Kindes. Die Antwort des Vaters ließ es mir klar sein, es ist endgültig entschieden. Es gibt gar keine Chance für einen Rückkehr, vom VATERsein zu MANNsein. Die VATER-Rolle ist für ihn besser, das Kind und seine Würde werden durch die Scheidung geschützt. Aber die MANN-Rolle ist für den Ritter erledigt, er hat sie geopfert und eine Wiederbelebung ist unmöglich. Sonst müsste er vielleicht von der Opferrolle in die Täterrolle tauschen und das ist für das Kind nicht würdig. Der Vater drängte auf einen Scheidungstermin. Ich versuchte die Familie einem afghanischen Imam zu übergeben, aber der Vater blieb hartnäckig, dass der Fall komplett von mir betreut werden muss.
 
Und weil die Ritterlichkeit nicht zu teilen ist, hat der Vater mir noch eine weitere Lektion erteilt. Am Termin der Scheidung ist er mit der Mutter, mit dem Kind, mit dem Schwiegervater und mit den Zeugen erschienen. Sehr pünktlich! Er nahm mich auf die Seite und bat mich, über die Gründe der Scheidung NICHT in Anwesenheit der Zeugen zu sprechen.Sie sollen NICHTS Falsches über die Mutter seines Kindes denken und den Respekt vor der Mutter nicht verlieren. Er spielte mit dem Kind, lächelte zu der Mutter des Kindes. Er war bereit die Mutter zu unterstützen, falls sie seine Hilfe brauche. Sie hat auf ihr Unterhalt und auf die Morgengabe verzichtet. Dann holte ich die Zeugen rein und der Mann hat in Anwesenheit allen seine Scheidung ausgesprochen.
 
Mit gehobenem Haupt ist er reingekommen und mit gehobenem Haupt hat er das Büro verlassen. Dies alles aus Liebe:
Er hat geheiratet, aus Liebe zu dem Mädchen.
Er hat seine Familie gut behandelt, aus Liebe zu seiner Ehefrau.
Er hat dieses Ende gewählt, aus Liebe zu seinem Kind.
 
Der Schwiegervater war seinem ehemaligen Schwiegersohn für sein Verhalten sehr dankbar. Als der Vater mit dem Zeugen zurück ging, da merkte der Schwiegervater, dass alles vorbei war. Mit Tränen in den Augen schaute er seinen Schwiegersohn hinterher. Ich wusste nicht, was er in diesem Moment dachte.
 
Aber meine Fragen habe ich immer noch bis jetzt:
·        Wie viele Ritter leben noch unter uns, ohne sich bemerkbar zu machen?
·        War das Verhalten dieses Vaters durch seine afghanischen Elemente bedingt?
·        Oder durch seine deutschen Elemente und Prägungen?
·        Wie viele Mütter wünschen ihrer Töchter so einen Ehemann, der die islamischen Aspekte im Mittelpunkt seines Handeln betrachtet:


إمساك بمعروف أو تسريح بإحسان

Im Guten zusammenbleiben oder im Guten auseinandergehen.“
إذا أحبها أكرمها، وإذا كرهها لم يهنها

Wenn er sie liebt, ist er großzügig zu ihr und wenn er sie hasst,

verletzt er sie  nicht

In der Geschichte finden wir viele solche Beispiele. Heute habe ich noch einen getroffen. Wer so einen kennt, egal wo, dann gebt mir bitte Bescheid. Auch ich möchte ihn kennen lernen. Dann werde ich erzählen:

„Es war noch einmal“ …

 
Wassalam
 
Euer Ahmad Al-Khalifa
 
 
erschienen am 17.11.2009




Uthman (radiyAllahu anhu) sagte: „Wissen ist besser als Reichtum; das Wissen schützt dich, und du (musst) den Reichtum (schützen).“[al-Faqih wal-Mutafaqqih]

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