Das Geheime Markusevangelium - Teil 2

Addendum – Hobbs Kritik und mehr

Diskussion über Crosstalk 1996

Addendum zum Geheimen Markus

Von: Bart Ehrmann @email.unc.edu

Donnerstag

25. April 1996, 23:13 PST[1]

 

Ein Nachtrag zu meinem Beitrag über ein Markusmanuskript aus dem 6. Jh. Ich habe auch Charlesworth gefragt, ob er schon einmal daran gedacht hat, die Abschrift. des Briefes von Clemens von Alexandria aus dem 18. Jh ausfindig zu machen, der in einer Ausgabe der Briefe Ignatius‘ im Kloster von Mar Saba in der Nähe von Jerusalem gefunden wurde und von dem man annimmt, er beinhalte Clemens‘ Diskussion über das Geheime Markusevangelium (Morton Smith veröffentlichte seine eigenen Fotos des Briefes, aber außer ihm hat sonst niemand den Brief selbst gesehen). Charlesworth berichtete mir, dass er diesbezüglich bereits Nachforschungen angestellt habe, und herausfand, dass das Buch in dem der Brief gefunden wurde, nach Jerusalem gebracht wurde, aber offenbar niemand weiß, wo genau es sich befindet.

Weiß jemand mehr darüber?

--Bart D. Ehrmann, University of North Carolina at Chapel Hill

Re: Addendum zum Geheimen Markus

Von: GLENN WOODEN @acadiau.ca

Freitag

26. April 1996, 12:54 PST

Bart und alle an Smith und dem Clemensbrief Interessierte:

Es gab letztes Jahr zu dieser Zeit eine ausführliche Diskussion zu diesem Thema auf B-Greek. Damals sendete Prof. Edward Hobbs einen längeren Artikel, in dem er auf verschiedene Diskussionen und Ereignisse rund um Smiths Behauptungen über das besagte Dokument eingeht. Mit Hobbs Erlaubnis (ich habe ihn gefragt) werde ich seinen Artikel hoffentlich bald hier posten. Auf den Punkt gebracht sagt sein Artikel Folgendes aus: Gelehrte haben das Dokument für eine Fälschung befunden und Smith war wenig begeistert!

 

Glenn Wooden

Acadia Divinity College

Wolfville, N.S.

Kanada

 

Re: Addendum zum Geheimen Markus

Von: Bart Ehrmann @email.unc.edu

Freitag

26. April 1996, 14:49 PST

 

Glenn,

Ja, ich war damals auf B-Greek und erinnere mich an die Diskussion. Was ich nicht verstehe, ist der derzeitige Ort des fraglichen Textes. (Der Fairness halber gegenüber Smith und der Diskussion muss gesagt sein, dass die Frage, ob es sich um eine Fälschung handelt, zwar angesprochen aber nicht zu der Zufriedenheit aller Teilnehmer beantwortet wurde; bevor jeder die gängige Meinung übernimmt, sollte er Smiths längere Ausführung zu dieser Streitfrage in seinem Buch Clement of Alexandria… lesen; die Diskussion hat mir den Anstoß gegeben, dies zu tun, und obwohl ich eher die Ansicht vertrete, er hätte ihn gefälscht, muss ich sagen, dass seine Argumente sehr überzeugend sind – die Art von Argumenten, die beinahe völlig in der Übersetzung verloren gehen. Sollte er tatsächlich dieses Dokument gefälscht haben, ist es eine der bemerkenswertesten Meisterleistungen der Wissenschaft des 20. Jh. und er hätte dies in erstaunlich jungem Alter geschafft.)

Weiß irgendjemand, wo sich das Manuskript befindet?

-- Bart D. Ehrman

 

Re: Addendum zum Geheimen Markus

Von: Maurice Robinson @mercury.interpath.com

Samstag

27. April 1996, 15:06 PST

 

Am Freitag, 26. April 1996 schrieb Bart Ehrmann:

Obwohl ich eher die Ansicht vertrete, er hätte ihn gefälscht, muss ich sagen, dass seine Argumente sehr überzeugend sind – die Art von Argumenten, die beinahe völlig in der Übersetzung verloren gehen. Sollte er tatsächlich dieses Dokument gefälscht haben, ist es eine der bemerkenswertesten Meisterleistungen der Wissenschaft des 20. Jh. und er hätte dies mit erstaunlich jungen Jahren geschafft.

Das erinnert mich sehr an die Geschichte von der Inschrift von Parahyba in Brasilien, die Cyrus Gordon für authentisch hielt (darin wird von ein paar Phöniziern erzählt, die vom Kurs abgekommen sind, als sie versuchten, Afrika zu umsegeln und schließlich im heutigen Brasilien landeten). Gordons Argument war, dass in der Inschrift (1898 gefunden) bestimmte grammatikalische Eigenheiten vorzufinden waren, die im nordwestsemitischen Sprachraum vor der Entdeckung der ugaritischen Texte nicht bekannt waren. Dennoch wird die Inschrift von Parahyba von den meisten Wissenschaftlern als Fälschung bezeichnet, was sehr merkwürdig ist.

Maurice A. Robinson, Ph.D. Assoc. Prof./Griechisch und Neues Testament Southeastern Baptist Theological Seminary Wake Forest, North Carolina

Re: Addendum zum Geheimen Markus

Von: William L. Petersen @psu.edu

Freitag

26. April 1996, 14:20 PST

Hier eine kurze bibliografische Anmerkung: P.W. van der Horst aus Utrecht veröffentlichte 1979 in Nederlands Theologisch Tijdschrift 33, S. 27-51 einen Artikel auf Holländisch mit dem Titel „Het ‘geheime Markusevangelie‘. Over een nieuwe vondst“ („Das ‘Geheime Markusevangelium‘. Über einen neuen Fund“). Der Artikel behandelt eine Studie über die wissenschaftlichen Reaktionen in den ersten 5 Jahren nach Smiths Veröffentlichung des Textes (1973) und ist es wert, näher betrachtet zu werden. Er hat mit der gehörigen Genauigkeit jede Stellungnahme analysiert; selbst wenn man nicht holländisch versteht, sind die Literaturverweise im Anhang sehr zu empfehlen.

Der Artikel ist in v.d. Horsts Aufsatzsammlung De onbekende god, Utrechtse Theologische Reeks 2 (Utrecht 1988), S. 37-64 neugedruckt worden.

Petersen – Penn State University

 

Re: Addendum zum Geheimen Markus

Von: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Freitag

26. April 1996, 22:06 PST

 

In der Nachricht vom 26.04.1996, 11:55:38 EDT[2] schrieben Sie:

Auf den Punkt gebracht sagt sein Artikel Folgendes aus: Gelehrte haben das Dokument für eine Fälschung befunden und Smith war wenig begeistert!

Es handelt sich um einen Text aus dem 16. Jh.,  der den Auszug aus dem Geheimen Markusevangelium beinhaltet, richtig? Es musste also eine Fälschung aus dem 16. Jh. gewesen sein? Falls das der Fall ist, muss es eine versteckte Fälschung gewesen sein, die, soweit ich mich erinnere, auf der Rückseite eines anderen Textes geschrieben wurde, oder? Wer wollte nun wen täuschen? Smith hatte selbst so viele Fragen, dass ich glaubte, er würde selbst jede Möglichkeit einer Fälschung überprüfen.

Hobbs et al. über Smith & Geheimer Markus, Ich

 

Von: GLENN Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Montag

29. April 1996, 11:36 PST

Edward Hobbs leitete mir sein archiviertes Material über Smith und die Diskussion um den Brief von Clemens von Alexandria weiter und gab mir die Erlaubnis, dieses Material für alle Interessierte in dieser Liste weiterzuleiten. Es beinhaltet Verweise auf aktuelle Literatur (1995) zu diesem Thema. Da es sehr viel Material ist, werde ich es in zwei Teilen senden.

Glenn Wooden

 

Weitergeleites Material, Nr. 1: eine umfassende Sammlung.

Von: „Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!“ „Paul Moser“ 5. Mai 1995, 15:31:26.14

An: „Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Betreff: Geheimer Markus, Neusner, Smith, etc.

 

Ich frage mich, ob irgendein Listenmitglied eine gute Rezension des Buches Are There Really Tannaitic Parallels to the Gospels?[Gibt es wirklich tannaitische Parallelen zu den Evangelien?]* (Scholars Press, 1993) von Jacob Neusner kennt. Das Buch ist eine scharfe Kritik an Morton Smiths Tannaitic Parallels  to  the Gospels [Tannaitische Parallelen zu den Evangelien]. Darüber hinaus meint Neusner, die von Smith vorgebrachten Beweise für das sogenannte Geheime Markusevangelium „müssten jetzt als Fälschung des Jahrhunderts bezeichnet werden“ (S. 28). Neusner geht davon aus, dass Smith selbst das Fragment des Briefes von Clemens von Alexandria, welches 1958 angeblich in einer Bibliothek in Sinai auftauchte und Beweise für das Geheime Evangelium liefern soll, gefälscht habe. Wie zu erwarten war, halten Helmut Koester und J.D. Crossan das kanonische Markusevangelium für später datiert als das Geheime Markusevangelium. Zahlreiche Beweise gegen diese Ansicht sind in Robert Gundry, Mark(Eerdmans, 1993); F. F. Bruce, The Canon of Scripture [Der Schriftenkanon ], und J. H. Charlesworth & C. A. Evans, Studying the Historical Jesus (Brill, 1994), S. 529-32 zu finden. Neusner stellt auf jeden Fall höhere Ansprüche an die Authentizität als Koester und Crossan. Neusner bemängelt, dass Smith nur Photos des Clemens-Fragments veröffentlichte und nicht das tatsächliche Manuskript. – Paul Moser, Loyola University of Chicago.

Von: „Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!“  5. Mai 1995, 23:05:04.04

An: „Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Betreff: Geheimer Markus, Neusner, Smith, etc.

Ich habe weder von einer derartigen Behauptung Neusners gehört, noch kenne ich das genannte Buch von Neusner („Are There Really Tannaitic Parallels to the Gospels?“), aber ich bin, nachdem ich mich länger mit dem Geheimen Markusevangelium beschäftigt habe zu der Überzeugung gekommen, dass Morton Smith eine Fälschung begangen hat. Es ist keine einzige Stellungnahme oder Reaktion auf diesen vermeintlichen Clemensbrief bekannt.  Und das Buch, in dem Morton Smith in dem Kloster von Mar Saba den Brief gefunden hat, scheint in keinem früheren Katalog des Klosters auf. Morton Smith kümmerte sich in keiner Weise um die Erhaltung des Manuskripts und es wurde auch, soweit bekannt ist, von niemand anderem gesehen oder für Tests und Analysen freigegeben. (Ich zweifele nicht daran, dass es tatsächlich ein echtes Buch aus dem 17. Jh. gibt, auf dessen Rückseite sich ein Brief befindet, aber abgesehen von  Morton Smiths Wort gibt es keinen Beweis dafür, dass er es in dem Kloster gefunden hat.) Der schockierende Inhalt des Briefes lässt den Schluss zu, dass es sich um Theorien handelt, die Morton Smith erfunden hat; und da gibt es noch viele andere Unklarheiten. Mir sind Neusners Analysen nicht bekannt, aber als ich selbst Smiths Bericht über die Entdeckung gelesen habe, ist mir Smiths seltsame Berichterstattung aufgefallen. Zum Beispiel widmete er sein Buch über das Geheime Evangelium geheimnisvoll „Für den Wissenden“ ohne dabei an irgendeiner Stelle zu erklären, wer diese Person sei oder was sie wissen soll.

Unter den früheren Fälschungsvorwürfen ist Quentin Quesnells Aritkel in der Zeitschrift Catholic Biblical Quarterly 37 (1975): 48-67 ein Klassiker, siehe dazu auch M. Smiths Antwort und Quesnells Antwort auf Smiths Antwort  in der folgenden Ausgabe, CBQ 38.  In  Longer Mark: Forgery, Interpolation, or Old Tradition? – hrsg. von R. Fuller (Berkeley: Center for Hermeneutical Studies, 1976) ist eine anregende Diskussion über den Streitpunkt der Fälschung nachzulesen.  Der in dieser Emailliste wohl bekannte Edward Hobbs war selbst bei dem Kolloquium, von dem in dem letzten Literaturverweis berichtet wird, anwesend. Auch Smith nahm an der Diskussion über die Frage, ob seine Entdeckung eine Fälschung sei, teil. Vielleicht kann Dr. Hobbs aufklärende Informationen aus erster Hand von dieser Diskussion mit uns teilen!  Greg Doudna West Linn, Oregonx

 

Von:  LUCY::EHOBBS „Edward Hobbs“ 14. Mai 1995, 18:46:02.72

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Betreff: Längerer Bericht über GMk

Liebe Freunde der B-Greek Liste:

Ich danke all jenen, die mich gebeten haben, meine Meinung zum GMk mit euch zu teilen und von dem 18. Kolloquium des Center for Hermeneutical Studies in Hellenistic and Modern Culture, das den Titel „Longer Mark: Forgery, Interpolation, or Old Tradition?“ hat, zu berichten. Ich werde hier zwei Teile veröffentlichen: diesen ersten Teil und eine Fortsetzung, die gleichzeitig den ersten Teil meiner Kritik bilden wird. Nicht beinhaltet ist die Synopsis (auf Griechisch), in der ich die offensichtliche Evangeliumquelle jedes einzelnen Satzes des angeblichen GMk von Smith zeige. 

 

HINTERGRUNDINFORMATIONEN (wer will, kann gleich bei GEHEIMER MARKUS weiterlesen)

Das Zentrum (1969 von mir und Dieter Georgi gegründet mit dem [leider vergeblichen] Ziel, Dieter davon abzuhalten, Berkeley zu verlassen, um nach Harvard zu gehen) brachte U.C. Berkeley, GTU, Stanford, Un. of S.F., Un. of Santa Clara, U.C. Santa Cruz und andere zusammen.  Neun Abteilungen der U.C. Berkeley nahmen daran teil! Für die Kolloquien verlangten wir ein Positionspapier (von allen Gelehrten: an der Bay Area, Harvard (mehrmals), Columbia (Morton Smith selbst!), Chicago, Bryn Mawr, Claremont, SUNY sowie Oxford, St. Andrews, Costanz, Cologne, Zürich, Paris (Sorbonne), und viele mehr). Die Positionspapiere wurden gedruckt und an eine ausgewählte Gruppe von Kritikern (sowohl im In- als auch im Ausland) geschickt. Die Kritiken wurden dann mit dem entsprechenden Positionspapier gedruckt und einige Wochen vor dem Kolloquium-Treffen an die Teilnehmer zurückgeschickt. Bei dem Kolloquium verbrachten wir die ersten 45 Minuten mit feinen Weinen (aus meinem Keller) exquisiten Snacks und angenehmen Gesprächen. Danach bildeten wir einen großen Kreis (sofern es möglich war – bei 40 oder mehr anwesenden Personen mussten wir konzentrische Kreise bilden), und der Autor des jeweiligen besprochenen Positionspapiers hatte 15 Minuten Zeit, mündlich auf die Kritiken zu reagieren, danach folgte eine allgemeine Diskussion, gefolgt von mehreren Fragen, die ich immer zu Beginn vorstellte. Das Ganze wurde (von meinem Sohn Kevin – jetzt ein Mathematiker, einer der „Hubble-fixers“, die die neuen Linsen des Hubble Space Teleskops entwickelten) auf Tonband aufgenommen. Das Aufgenommene wurde dann (von einem meiner Studenten) transkribiert und Kopien der einzelnen Beiträge (für gewöhnlich von mir oder einem sehr verlässlichen Studenten unter strengster Genauigkeit niedergeschrieben) wurden abgetippt und an die jeweiligen Sprecher, die zusammengefasst wurden, geschickt. Jedem Sprecher wurde die Möglichkeit gegeben, unschöne Formulierungen, sofern diese nicht Gegenstand der Diskussion waren, sowie ihr Englisch auszubessern. (Stellt euch vor, all das ohne Computer zu machen!) Nachdem all dies getan war, wurden die Ergebnisse in einer Reihe von Protokollen veröffentlicht (wieder direkt von mir betreut, indem ich mit verschiedenen Druckereien und Bindereien vorort zusammenarbeitete), und von einer weiteren Studentin von mir (Sharon Boucher, die die ganzen Jahre über nie für ihre Arbeit entlohnt wurde) an Abonnenten verschickt. Mein Kollege am PSR, Wilhelm Wueller, liebte es, im Rampenlicht zu stehen, weswegen wir ihn für gewöhnlich Vorstand nannten, oft auch Herausgeber, etc., obwohl die ganze Arbeit eigentlich von anderen gemacht wurde. Wir trafen uns also drei bis sieben Mal im Jahr.

 

GEHEIMER MARKUS

Reginald Fuller (damals von dem Virginia Theological Seminary) plante, für ein paar Wochen nach Berkeley zu kommen und schrieb, dass er eine Abhandlung über die Arbeit von Morton Smiths "Geheimen Markus" habe und ob wir es als Positionspapier verwenden wollten. Wir stimmten zu und das Kolloquium konnte beginnen (das eigentliche Treffen fand am 7. Dezember 1975 statt). Smith selbst, sowie auch Helmut Koester (der zu meiner grenzenlosen Verwunderung immer ein Fan von Smith war), Hans Dieter Betz, Birger Pearson (UC-SB), Bud (Paul) Achtmeier (Union-Virginia) und einige Leute vor Ort (unter anderen ich und mein damaliger Student Daryl Schmidt) schrieben Kritiken. Charles Murgia, damaliger Vorstand der klassischen Philologie in Berkeley lieferte einen unschlagbaren Beweis für die Fälschung. In der Diskussion sagte er, dass seiner Meinung nach Smith selbst nicht die Fälschung angefertigt hatte, da Smiths Griechischkenntnisse geringer wären als die des Autors/Fälschers und da der Fälscher einen ausgezeichneten Humor hatte, der Smith fehlte. (In meiner Reaktion sagte ich, dass ich lieber der Fälschung bezichtigt werde als einem fehlenden Humor und mangelnden Griechischkenntnissen!) In meinen eigenen Vorbereitungen fertigte ich eine griechische Übersicht mit drei Spalten an: der „Clemens-Text“, Parallelen in Markus und Parallelen in Johannes. Ich dachte, es beweise, dass der Text ein Pastiche aus den Texten der kanonischen Evangelien ist. (Ich habe auch gesagt, dass ich als Nicht-Clemensforscher nicht beurteilen könne, ob es sich um eine frühere oder spätere Fälschung handelt. Daher würde ich mich einfach Robert Grants Meinung anschließen, dass der Brief nach Clemens klingt. Ich konnte es zwar nicht glauben, aber ich wollte nicht auch noch in DIESER Sache nachhacken. Smith zitierte mich später in der Zeitschrift Harvard Theological Review und zählte mich zu jenen, die die Echtheit des Textes akzeptierten!) Nach der Veröffentlichung fingen die Hass-E-Mails von Smith an. Er hatte schnell erkannt, dass ich das Zentrum der Kritik gegen ihn war und begann, mich Brief für Brief mit Hasstiraden, Beschimpfungen und unlogischen Angriffen zu überschütten. All das geschah, obwohl ich davon abließ, meine persönliche Meinung, dass nämlich der „Brief“ und der „Geheime Markus Text“ niemals existierten, sondern von Smith erfunden waren, zu äußern. Er lieferte kein Manuskript, nur ein paar „Fotos“, von denen er behauptete, sie 1958 in dem Kloster in Mar Saba gemacht zu haben. Er hielt die ganze Angelegenheit 14 Jahre lang geheim und veröffentlichte dann zwei Bücher, ein "wissenschaftliches" und ein "populär-wissenschaftliches". Keinem anderen war es möglich auch nur den Ort herauszufinden, wo sich das Buch befindet, in dem all diese Dinge angeblich geschrieben stehen (hauptsächlich auf den leeren Seiten und dem Umschlag). Die ganze Geschichte stinkt sehr nach Fälschung. Quentin Quesnell hatte den Mut, dies öffentlich zu sagen. (Ich hatte den Mut, während des Kolloquiums auf seine Arbeit hinzuweisen!).

 

EIN ZWEITER VERSUCH (Jesus zu enthüllen)

Drei Jahre später arbeitete ich als Gastprofessor in Claremont mit dem Institut für Altertum und Christentum zusammen. Hans Dieter Betz war dort (bevor er nach Chicago ging) Vorstand und er fragte mich, ob ich eine Kritik für eine ganztägige Sitzung, in der über Smiths neues Buch „Jesus the Magician“ (Jesus der Magier), welches er vorausgeschickt hat, diskutiert wird. (Nachdem er es nicht geschafft hatte, die Allgemeinheit davon zu überzeugen, dass Jesus zu Tode verurteilt wurde, weil er eine Schwulenbefreiungsgruppe leitete und in Gethsemane auf frischer Tat ertappt wurde, versuchte er nun zu beweisen, dass Jesus als Magier verurteilt wurde.) Ich wollte es ablehnen, aber Betz bestand darauf. Er versicherte mir, dass Smith offen für jede gerechtfertigte Kritik sei. Das getippte Buch war ungefähr acht Zentimeter dick und hat mich eine ganze Woche aufgehalten. Als es dann soweit war, betrat er den Raum, sah mich an und wurde sichtlich blass. Er war überaus verärgert, dass ich ausgewählt wurde, und musste 45 Minuten ruhig da sitzen, während ich sein Buch auseinandernahm (in der veröffentlichten Version ist ALLES, was ich kritisierte, herausgenommen worden, ein Glück für ihn). Ich habe auch darauf hingewiesen, dass sein Hauptargument, dass Jesus das uneheliche Kind eines Deutschen Soldaten war, in Alfred Rosenbergs pseudophilosophischen Naziwerk The Myth of the 20th Century[3] zu finden ist; Smith zitierte den deutschen Titel, und dachte, die Leser würden annehmen, es handle sich um ein Buch eines bekannten deutschen Historikers! Er ließ sich fast eine halbe Stunde wütend über mich aus, bis dann Jim Robinson den Attacken (dankenswerterweise) ein Ende setzte, und wir stritten noch lange weiter. An diesem Abend waren Smith und ich die Ehrengäste bei dem Dinner, das Betz organisierte! Deshalb wurden wir nebeneinander gesetzt! Also unterhielten wir uns über magische Amulette, von denen er sehr viel und ich nichts wusste, um spätere Magengeschwüre an diesem Abend zu vermeiden. Ungefähr eine Woche später fingen die Hass-E-Mails wieder an, aber ich habe bemerkt, dass in dem veröffentlichten Buch alle unsinnigen Stellen und Fehler, die ich böswillig aufgezeigt habe, herausgenommen wurden. Als wir uns danach bei der jährlichen Harvard Aufnahme von Lehrkörpern (wie mich) und Absolventen (wie er) bei dem AAR/SBL Treffen begegneten, mieden wir beide bewusst den Kontakt.

 

ZWEI LOYALE KOLLEGEN

Völlig auseinandergenommen wurde er 1979 bei dem SBL-Treffen in New York. Das war ein eigens für Pierson Parker (sein ganzes Leben lang General Seminary) organisiertes Treffen, das sein Anfang der 50er Jahre erschienenes Buch The Gospel before Mark zum Thema hatte (darin ist von einem Art Ur-Markus, K genannt, die Rede, auf den sich Matthäus gestützt haben soll. Daher wäre der kanonische Matthäus älter als der kanonische Markus). Vier Redner waren vorgesehen, einer von ihnen war ein ehemaliger Student Parkers (Rhys war sein Name), und ein anderer war Morton Smith. Smith wurde auf Parkers Bitte hin eingeladen, denn Parker war immer schon ein Unterstützer von Smith und dessen Arbeit, obwohl die meisten anderen in seinem Bereich Smith hassten (und fürchteten). Rhys hielt eine nette, kurze Rede. Ihm folgte Smith, der sich über Rhys Worte wütend ausließ. Er sagte, dass seine Rede als Beispiel der unfassbaren Blödheit, die es in der Welt der Wissenschaftler und Gelehrten zu finden gibt, gedruckt werden sollte. Danach fing er an Parker zu attackieren, indem er sagte, dass Parkers Ansicht über Matthäus als Vorgänger von Markus schlicht die alte römisch-katholische Sichtweise war und dass Parker als episkopaler Priester sich nur in Rom einschleimen möchte, wie das episkopale Priester so tun. Es war eine schreckliche Darbietung! Als dann die kurze Zeit für Diskussionen kam, wollte der Diskussionsleiter alles so schnell wie möglich beenden. Aber ich sprang auf und fragte, wie es bloß möglich sei, dass der episkopale Priester Parker sofort in zweifelhaftes Licht gerückt wird, während der episkopale Priester Smith dieser Verurteilung auf seltsame Weise entkommen ist und für objektiv und wahrheitstreu befunden werden kann? Ich brachte das Thema der Argumentum ad hominem zur Sprache und fragte, ob es irgendjemandem – AUCH MORTON SMITH – erlaubt sein darf, sich bei einem wissenschaftlichen Treffen derart aufzuführen. Er stammelte einige Minuten etwas vor sich hin und stolzierte dann aus dem Saal. Vor ungefähr zehn Jahren (ich glaube in Chicago, aber ich bin mir nicht ganz sicher, diese Hotels sehen alle gleich aus), trat Smith vor das Publikum und prangerte die Übersetzung eines alten Rabbinertextes von Jakob Neusner an. Neusner behauptete, dass er als Erster diesen Text ins Englische übersetzte. Smith enthüllte jedoch, dass er von einer Jahrhunderte alten Übersetzung kopiert hatte. Neusner wurde dadurch öffentlich bloßgestellt und in den folgenden Jahren scheute er sich, sich irgendwo sehen zu lassen. (Meine ungenauen Angaben über Titel usw. liegen daran, dass ich den Angriff Smiths nicht direkt gehört habe, weil ich im danebenliegenden Raum war. Mir wurde nur mehrmals in den folgenden Stunden und Tagen davon erzählt.) Aber das Interessante an der ganzen Sache ist nicht die Tatsache, dass etwas Derartiges passiert ist; Plagiat ist etwas Abscheuliches, vielleicht auf einer Ebene mit Fälschung (?). Das Interessante ist, dass Jacob Neusner einer der wenigen begeisterten Unterstützer Smiths war (Parker und Koester waren die anderen beiden der insgesamt drei oder vier). Smith stellte sich also gegen einen der wenigen Freunde, die ihm blieben! Letztendlich verstehe ich, dass Neusner nun Rache nimmt!

Edward C. Hobbs

 

Hobbs et al. on Smith & SecretMark, II

Von GLENN WOODEN @acadiau.ca

Montag

29. April 1996 11:36 PST

Weitergeleitetes Material, Nr.2: Eine lange Sammlung.

Von: LUCY::EHOBBS "Edward Hobbs" 14. Mai  1995 18:47:00.73

An: "Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!"

Betreff: Ein Teil meiner Kritik zu "Geheimer Markus" [Kolloquium 18] [Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Copyright 1975.]

Das Thema dieses Kolloquiums ist (wie logischerweise in all unseren Kolloquien) grundlegend methodologisch: Wie können wir Probleme bei der Interpretation von Texten lösen? Dies ist eine spezielle Form der allgemeinen Frage, wie wir historische Urteile fällen. Da wir mit dem Nichtwiederholbaren zu tun haben, und daher von der Möglichkeit der experimentellen Methode im engeren Sinn abgeschnitten sind und da wir ferner auch nicht die logischen Folgerungen von Axiomen wie in der Mathematik in Anspruch nehmen können, sind wir gezwungen mit dem Kriterium der Wahrscheinlichkeit zu arbeiten. Daher wird das Meiste von der Mehrheit (oder beinahe der Mehrheit!) bestimmt. Das Problem, das bleibt, ist das, was die Wahrscheinlichkeit ausmacht.

Ich möchte davon ausgehen, dass eines der zentralen Elemente einer jeden Wahrscheinlichkeitstheorie, ob in den Natur- oder in den Geisteswissenschaften mitsamt Geschichte, das längst bewiesene Sparsamkeitsprinzip oder Ockhams Rasiermesser ist: Non sunt multiplicanda entia praeter necessitatem [Entitäten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden]. Wie bekannt ist, hat Ockham dieses Prinzip nicht selbst erfunden, aber er hat es oft und  erfolgreich angewendet (wenn auch nicht in dieser genauen Formulierung, die unter seinem Namen bekannt ist; er bevorzugte zwei andere Wortlaute) und er gab uns Methoden mit denen wir Hirngespinste und geistigen Unsinn eliminieren können und das Wahrscheinliche von dem weniger Möglichen trennen können. Die moderne Form dieses Prinzips fordert in den Wissenschaften die Theorie mit dem wenigsten Unbeobachtbaren, das dem Beweis entspricht oder notwendig ist, um den Beweis zu erklären. Morton Smith erkannte dieses Kriterium der Wahrscheinlichkeit an und zwar sogar ziemlich explizit (z.B. The Secret Gospel of Mark, S. 148- letzter Absatz des Buches; und Clement of Alexandria and a Secret Gospel to Mark, S. 289-290 -- eine Stelle parallel zur vorherigen), untergräbt dieses Kriterium aber auch, indem er sagte: „Aber die Wahrheit ist, dass manchmal unwahrscheinliche Dinge passieren. Daher ist die Wahrheit zwangsläufig ungewöhnlicher als die Geschichte.“ (The Secret Gospel, S.148) Sollte in dieser Aussage nicht eine versteckte Botschaft liegen (und Smith scheint diese zu lieben), sieht es so aus, als hätte er gesagt, dass unser Verständnis von Wahrscheinlichkeit nicht mit dem tatsächlichen Lauf der Geschehnisse in der Welt zusammenpasst und daher die „Wahrheit“ (was tatsächlich passiert ist) ungewöhnlicher ist als die „Geschichte“ (was Nicht-Smith Historiker niederschrieben?). Das ist in der Tat ein sonderbares Verständnis von Wahrscheinlichkeit! Was die Detailtreue betrifft, ist Smiths Arbeit tatsächlich „höchst wissenschaftlich“, wie sie oft genannt wird: sein Clemens-Band beinhaltet eine Fülle von Hausaufgaben als Vorbereitung für die historische Erklärung.

Im nächsten Schritt seiner Arbeit erhebt er sich plötzlich in eine höhere Ebene, von der aus er all die Wissenschaftler und all die wissenschaftlichen Methoden, die allgemein angewendet werden und mit denen er nicht einverstanden ist, ablegen kann; wissenschaftliche Arbeiten, die seine Arbeit kritisierten (oder auch nur möglicherweise in Zukunft kritisieren könnten: vgl., z.B. Clement, S. 287, „Um absehbare Dummheiten zu vermeiden…“) wurden regelmäßig als „wertlos“, „lächerlich“, „feindlich“, „verworren“, „blödsinnig“, und manchmal sogar „bösartig“, „absichtlich täuschend“ (ihm zufolge gibt es mehrere davon, auf eine treffe es jedoch „am meisten“ zu), „überschwänglich fantasievolle Auslegung“ und dergleichen abgetan. Die Hauptmethoden dieses Fachbereichs scheinen entweder nicht zu existieren (z.B. Radaktionsgeschichte) oder so schlecht von allen anderen angewendet zu werden (z.B. Formgeschichte), dass „Alternativen“ gefunden werden müssen. Wichtige redaktionsgeschichtliche Werke wurden ignoriert oder als „Fantasiegeschichten“ abgelehnt (wie Marxens wichtige Arbeit), und aktuelle formgeschichtliche Arbeiten über genau diese Markusstelle werden nirgendwo erwähnt (z.B. H.-W. Kuhns Werk). Angesichts der Art, wie zwischen den verschieden Gelehrten und Methoden unterschiedlich umgegangen wird, ist es unwahrscheinlich, dass unsere Überlegungen bei Smith anders aufgenommen werden; diejenigen, die seine Arbeit für richtig halten, werden gelobt und diejenigen, die anderer Ansicht sind, werden verurteilt (dürfen wir zumindest selbst wählen, ob wir als „blöd“, „lächerlich“, oder nur „realitätsfern“ abgestempelt werden?).

Mir scheint, dass wir hier Ockhams Rasiermesser zufolge die älteste Theorie, die Aufschluss über diesen Text gibt, nehmen sollten. Smith nennt seine Erklärung eine „Erzählung“ oder eine „Historie“; die in der Tat ein zusammengebautes Netz mehrerer Theorien ist, wobei jede von ihnen geschaffen worden ist, um die Fakten des Textes mit der zuvor konstruierten Theorie in Einklang zu bringen. Es ist genial und genau die Methode, die Autoren historischer Fiktion anwenden – man konstruiert eine Erzählung, die die tatsächlichen Fakten an so vielen Stellen wie möglich berührt, sodass dadurch der Effekt entsteht „Ja, es hätte wirklich so passieren können!“ Wie viele Gelehrte und andere Leute lese ich gerne historische Fiktion; aber mir wird unbehaglich, wenn das Wort "Fiktion" plötzlich im Untertitel oder im Klappentext weggelassen wird. Und Achtung, "Fiktion" bedeutet hier nicht „unwahr“; es hätte auf diese Weise passieren können. Aber die Historiker nennen seine entwickelte Geschichte, die die Realität an allen Punkten berührt und weit darüber hinaus geht, nicht eine „Historie“; dieser Begriff bleibt jenen Werken vorbehalten, an denen das Prinzip Ockhams Rasiermesser angewendet wurde, und somit alles absolut Unwichtige und Unnötige entfernt wurde.

Die einfachste Erklärung ist jene, die mit den uns bereits bekannten Ereignissen der frühchristlichen Geschichte übereinstimmt. (Ich gehe nun davon aus, dass der Brief tatsächlich von Clemens ist. Ich bin mir dessen zwar nicht ganz sicher, aber Robert Grant, der in diesem Frage bei weitem befähigter ist als ich, ein Urteil zu fällen, ist der Meinung, dass Smith hierfür den Beweis erbracht hat, und ich akzeptiere sein Urteil.) Im Groben ist es wie folgt:

(1) Pauls Hinweis (Römerbrief 6:1-11) zufolge interpretierten ein paar Christen in Alexandria (wahrscheinlich Karpokratianer und andere) die Taufe als Auferstehung. Einem unter ihnen fehlte die entsprechende Stelle in den Evangelien, die das bestätigt und machte sich daran, diesen Mangel zu decken.

(2) Unser Autor ist mit den Texten der vier Evangelien wohl vertraut, da diese bereits zusammengestellt wurden, aber er kennt das Markusevangelium (das lange mit Alexandria in Verbindung stand) am besten, so wie die meisten Leute ein Lieblingsevangelium haben. Die Lazarus-Geschichte (Johannes 11) ist der einzige längere Auferstehungsbericht, aber sie konnte natürlich nicht einfach so kopiert werden. In Lukas ist auch eine Auferstehungsgeschichte mit einem Mann zu finden (alle Synoptiker haben die Geschichte mit der Tochter des Jairus); sein Name ist neaniskos, ein Name, der auch in Markus' Geschichte über das leere Grab vorkommt.

(3) Unser Autor hat nun Anhaltspunkte und beginnt seine beispielhafte Perikope zusammenzubasteln. Der vor der Auferstehung stehende neaniskos hat (eine Mutter – Lukas? zwei Schwester – Johannes?) eine Schwester, die ihn vermittelt. Die Details der Perikope sind schnell zusammengestellt von anderen Heilungsgeschichten in Markus und die offensichtlichen Parallelen zu Lazarus. Vor allem Erzählungen über „Auferstehung“ (egeiro, 1:31; 5:41; 10:49; 16:6) oder ein „Grab“ (mnemeion, 5:2,3,5; 15:46; 16:2,3,5,8)  wurden gerne verwendet.

(4) Die Kleidung des neaniskos (Markus 14:51), die wie jene Jesu vor seiner Auferstehung (Markus 15:46) ist, sowie sein Wohlstand (Markus 10:22; vgl. Lukas 18:23 für den exakten Wortlaut) und die Aussage „als er ihn ansah, liebte er ihn“ (Markus 10:21, mit der Parallele zu neaniskos in Matthäus) waren leicht hergeleitet.

(5) Der Ort ist durch die Lazarus-Geschichte bestimmt – vielleicht auch von Markus 8:22, Codex Bezae. Wie Smith anmerkte, stimmt der Text der Perikope oft mit dem sogenannten Westlichen Text überein; aber die einfachere Erklärung ist die Möglichkeit, dass unser Autor in Wirklichkeit einen solchen Text (der gemäß der gewöhnlichen Datierung um 150 entstanden ist) gelesen hat, anstatt dass der Westliche Text auf den „Langen Markus“ zurückgeht; eine Theorie, die nichts über den Westlichen Text in Zusammenhang mit den restlichen Evangelien und Apostelgeschichten erklärt. Sogar die Datierung ist durch die Lazarus-Geschichte bestimmt, verbunden (oder auch nicht, obwohl der Wortlaut identisch ist) mit dem Anfang der Verklärungsgeschichte in Markus (in der Jesus und auch der neaniskos in dem leeren Grab weiß gekleidet sind).

(6) Unser Autor muss am Ende Jesus dorthin zurückbringen, wo der Bericht in Markus weitergeht. Das Ganze ist ein einfacher Ablauf: Eine nach Markus klingende Geschichte wird durch die Verwendung von ähnlichen Geschichten in Markus und den dort zu findenden Aussagen verbunden, mit der offensichtlichen Auferstehungsgeschichte in Johannes entwickelt und einige unvermeidbare Wortlaute aus der Erinnerung an Matthäus- und Lukasparallelen  hinzugefügt (vgl. unser eigener „reicher junge Herrscher“ eine Beschreibung, die eine Mischung der synoptischen Berichte ist). Zu meinen, dass es einen Übersetzer gab (von einer aramäischen Vorlage arbeitend), der freiwillig den Stil Markus‘ imitierte, um die Gemeinsamkeiten zu Markus zu erklären, ist wohl wirklich „Vermehrung von Entitäten“. Kann also so eine „Erfindung“ (ein „Pastiche“ ist wohl die beste Bezeichnung dafür) in den Markustext eingefügt werden, obwohl das Evangelium bereits als „kanonisch“ akzeptiert wurde? Natürlich kann es das! – Wir müssen uns nur daran erinnern, wie die Perikope über die erwachsene Frau an verschiedenen Stellen eingefügt wurde, ohne dass Feuer vom Himmel fiel (nach Lukas 21:38; nach Johannes 7:36; nach Johannes 7:52; nach Johannes 21:24), oder wie verschiedene Enden an Markus angehängt wurden, Enden, die auf dieselbe Art und Weise wie hier zusammengebastelt wurden. Wenn Stendhals Aussage (zitiert auf S. 85, Clement) bedeutet, dass der Text nicht auf das späte zweite Jahrhundert oder später zurückgehen kann, dann liegt sie aufgrund der Beweise der eben angeführten Perikopen und ihrer textuellen Geschichte klarerweise falsch; aber vielleicht bezieht sich Stendhals Aussage auf die Zeit nach der Kanonisierung der Texte, d.h. nach der Dominanz des byzantinischen Textes.

(von: Edward C. Hobbs -- Von dem Protokoll des 18. Kolloquiums)

 

Von: "Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!" 15. Mai 1995 03:43:41.88

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Betreff: RE: Längerer Bericht über Geheimer…

Lieber Professor Hobbs und Freunde, danke Professor, dass Sie Mortons Besuch in Berkeley 1975 in Erinnerung rufen. Das Thema scheint heute viel wichtiger  und spannender als damals zu sein, was mich etwas überrascht. Ich wollte nur ein paar Kleinigkeiten hinzufügen und somit E. Hobbs Bericht ergänzen. Ich kannte niemanden, der Professor Smith zu der damaligen Zeit ernst nahm. Ich bin immer noch verblüfft, wenn ich 20 Jahre später Leute über seine Entdeckung sprechen höre. Prof. Hobbs tut recht, wenn er dieses Evangelium in das Genre der historischen Romane abschiebt. Wir wussten alle, dass unser Besucher verrückt war, aber heute wissen das die Leute nicht. Ich wusste nicht, dass Prof. Hobbs unserem Besucher öffentlich widersprach. Soweit ich mich erinnern kann, wollte niemand den Verrückten angreifen. Wir sahen es als unsere Aufgabe, ihn bei Laune zu halten und ihm im Hermeneutic Center ein offenes Forum zu geben. Zu dieser Zeit reiste er quer durch Kalifornien und zog die Aufmerksamkeit vieler Menschen und Zeitungen auf sich. Ich sollte ihn vom Flughafen abholen und für ihn eine Unterkunft in Benton Hall finden. Ich glaube ich habe seine Rede gehört, aber ich war damals mehr an Professor Hobbs California Red Weinen interessiert. Professor Smiths Rechtfertigung, die in der Zeitschrift Harvard Theological Review veröffentlicht wurde, war für mich ein echter Schock, als er all die berühmten Namen anführte, die seinem geschichtlichen Roman Glauben schenkten. Ich kann echt nicht begreifen, wie irgendjemand, sei es nun ein Student oder ein Professor seine Fantastereien ernst nehmen kann. Auf der anderen Seite bin ich besorgt darüber, dass die Leute offenbar genau das tun. Aus diesem Grund sage ich, dass dies damals niemand, der ihn kannte, ernst nahm, aber die Leute versuchten nur höflich zu sein und jemanden, der offensichtlich geistesgestört war, nicht zu beleidigen.

Richard Arthur, Merrimack Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Von: LUCY::EHOBBS "Edward Hobbs" 15. Mai 1995 13:08:17.51

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Betreff: Smiths Besuch in Berkeley: Korrektur

Richard Arthurs Ergänzung zu meinem Bericht war eine nette Erinnerung an die noch lebenden Leute, die auch dort anwesend waren. Aber ich fürchte, er erinnert sich an das falsche Kolloquium. Smith war, soweit ich weiß, nur einmal auf Besuch in Berkeley; das war am 12. April 1973 für das Kolloquium 6. Das Thema seines Positionspapiers war „The Aretalogy Used by Mark“. Es war bei diesem Besuch, als Richard Arthur Smith abholte und in sein Zimmer im PSR brachte. Das Kolloquium, über das wir sprachen, war Kolloquium 18. Weder Smith noch Richard Arthur (der damals womöglich bereits absolviert hatte?) waren dort anwesend. Dieses Kolloquium fand hingegen, ungefähr drei Jahre später, am 7. Dezember 1975 statt. Das Positionspapier war von Reginald Fuller. Geheimer Markus war noch nicht einmal veröffentlicht worden, als Smith Anfang 1973 auf Besuch war, also bin ich mit ihm natürlich keine Diskussion darüber eingegangen (ich habe noch nie dergleichen gehört). Ich stehe zu dem, was ich gestern geschrieben habe. Ich wünsche sehr, alle hätten Smith für geistesgestört gehalten! Aber ich habe es mit ihm aufgenommen, nicht nur damals (in seiner Abwesenheit), sondern bei mehreren späteren Gelegenheiten, zwei davon habe ich euch gestern erzählt. Es gab niemals eine Abmachung, nett zu ihm zu sein, zumindest nicht eine, zu der ich mich verpflichtete. Ich war nicht einmal zu Ernest Badian (Harvard) nett, als er 1976 bei uns war (was für ein arroganter Typ).  Übrigens habe ich eine Nachricht erhalten, in der ich gefragt wurde, ob ich wüsste, dass Morton Smith tot war. Ja, ich wusste es, fast sofort. Und auch Neusner weiß es.

Edward Hobbs

 

Von: LUCY::EHOBBS "Edward Hobbs" 17. Mai 1995 15:46:38.71

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Geheimer Markus, Smith, Ad Hominem, & Koester

Zuerst möchte ich all jenen herzlich danken, die unberechtigten Anspielungen auf meinen Bericht über die Diskussion zum Geheimen Markus antworteten. Ich schrieb diese Texte nicht aus eigener Lust und Laune; ich wurde von mehr als einem halben Dutzend von euch gebeten, dies zu tun. Nichts davon ist erfunden und nichts davon soll dazu anregen, Smith als Gelehrten zu missachten, weil sein Benehmen bei unseren Treffen inakzeptabel war. Ein kanadischer Student hat uns dazu ermahnt, Ad-Hominem-Attacken zu vermeiden und deutete damit an, dass ich dies getan hatte. Genau aus diesem Grund habe ich von Smiths wiederholten Persönlichkeitsangriffen berichtet; aber ich habe sie nicht selbst verwendet. Ich möchte gerne klar stellen, dass:

(1) ich 1975 persönlich fast zwei Monate dem Organisieren, Leiten und Verfassen einer ordentlichen Analyse von Smiths Arbeit „Secret Mark“ widmete. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich vollkommen davon abließ, meine persönliche Meinung zu äußern, dass nämlich das Manuskript eine moderne Fälschung (d.h. innerhalb der letzten 1800 Jahre) sei. Das zählt sicherlich als „seine Ansicht aufgrund seiner schriftlichen Überlieferungen beurteilen“.

 (2) ich 1976 seinem Buch "Jesus der Magier" 40 Stunden meiner Zeit widmete, mit dem Ergebnis einer mehr als 50 Seiten lange Kritik, die ich Smith zusammen mit einer 45-minütigen mündlichen Zusammenfassung am Beginn einer ganztägigen Diskussion seines Buches persönlich überreichte.  In der veröffentlichten Version ist nahezu jede Textpassage, die ich kritisierte geändert worden; hätte ich nicht soviel Zeit darauf verwendet, sein Originalwerk durchzuarbeiten, wäre das veröffentlichte Buch von den Rezensenten viel stärker kritisiert worden. Das war keine Ad-Hominem-Attacke. Dass ich euch etwas von dem erzähle, worum ich gebeten wurde – nämlich, die Beziehung, die ich zu Smith zu seinen Lebzeiten hatte – war nicht mit der Absicht, seine Meinung zu attackieren, sondern, um zu erzählen, was fast jeder, der nicht einer Meinung mit ihm war, über ihn wusste. Bob Kraft hat korrekterweise – und großzügiger Weise – die unterstützende, humorvolle und angenehme Art, mit der Smith (hin und wieder) seine Freunde behandelte, hervorgehoben. Er erkannte aber auch seine streitsüchtigen, einschüchternden und konfrontierenden Charakterzüge zu anderen Zeiten. Ich bewundere Bob Kraft für seine Loyalität gegenüber seinen Freunden, selbst wenn diese tot sind; ich finde, das ist eine sehr gut Eigenschaft eines Menschen. Wie ich schon angedeutet habe, fehlte Smith manchmal diese Eigenschaft (bezüglich Parker und Neusner, zum Beispiel). Und ich möchte ausdrücklich festhalten, dass Helmut Koester auch diese Eigenschaft besitzt, sogar zu seinem eigenen Nachteil (wie in der Bob Funk Geschichte). Daher hat Helmut Smith, der sonst einfach so entlassen worden wäre, stets verteidigt und ihm in Harvard ein Forum gegeben. Helmut ist ein ehrlicher und großer Gelehrter. Er und ich waren uns in vielen Punkten der neutestamentlichen Wissenschaft uneinig, aber er hat deswegen nie mich oder meine Arbeit abgelehnt. Er war der Vorstand meiner Abteilung, als ich meinen zweiten großen Angriff gegen die Q-Hypothese (in SBL in Chicago, sechs Jahre nach meinem ersten Angriff) startete; und auch damals lehnte er es nur ab, zwei Tage mit mir zu sprechen! Danach war alles wieder in Ordnung. Ich kann mir nicht einen besseren Freund und Kollegen wünschen. Ich möchte vorschlagen, dass wenn wir den schriftlichen Nachlass eines Gelehrten analysieren, wir uns auch die Mühe machen, den schriftlichen Nachlass jener zu lesen, die die Ansichten dieses Gelehrten bemängelten. Allem Anschein nach hat Smith Unterstützer, die sich nicht die Mühe machen, die Kritike und Reaktionen anderer zu lesen. (Und zu diesen zähle ich weder Bob Kraft noch Helmut Koester.)

Edwars Hobbs

 

Von: "Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!" "Edgar M. Krentz" 15. Juni 1995 11:22:23.14

An: "Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!"

Betreff: Geheimes Markusevangelium

Vor Kurzem wurde eine längere Serie über das Buch Secret Gospel of Mark von Morton Smith veröffentlicht. Diejenigen, die es interessiert einen aktuellen Artikel zu lesen: A. H. Criddle, „On the Mar Saba Letter Attributed to Clement of Alexandria“, in dem Journal of Early Christian Studies 2,3 (Sommer 1995) 215-220. Criddle behauptet, dass der Clemensbrief gefälscht sei und dass daher die Echtheit des Geheimen Markus zweifelhaft sei. Seine Argumente sind auf eine philologischen Analyse sowie auf eine Untersuchung des Rhythmus gestützt.

 

Edgar Krentz [Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!]

 

[Weiterlesen bei Teil 3]

 

[1]Pazifische Standardzeit

[2]Eastern Daylight Time

[3]Dt. Originaltitel: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, München, 1934

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