Radikal halte ich für ein falsches Wort. Es wurde vornehmlich im politischen Kontext verwendet: Menschen, die Probleme der heutigen Gesellschaft für so grundsätzlich mit dieser Gesellschaft verwoben sehen, dass sie die Gesellschaft von ihrer
Wurzel her verändern wollen.
Jede Religion hält eine atheistische und materialistische Gesellschaft für verfehlt, auch das eigentlich integrierte Christentum geht davon aus, dass eine atheistische und materialistische Gesellschaft von der Wurzel her verkehrt ist, da sie in Distanz zu Gott steht.
Viele Gewerkschafter, Demokraten oder auch Anhänger anderer politischer Richtungen halten die Gesellschaft für von ihrer Wurzel her verkehrt. Ich halte das nicht für falsch, denn nur wenn man etwas für verkehrt hält, habe ich einen Impuls, diese Gesellschaft verändern zu wollen.
Dieser Veränderungswille ist kein Widerspruch zur Integration, sondern in die Gesellschaft einwirken zu wollen, ist Teil gesellschaftlicher und politischer Partizipation (
http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/po...tizipation).
Muslime sind also zweifelsfrei gerufen, wie alle anderen Menschen, die in der Gesellschaft Fehler erkennen, hier Stimme zu erheben und zur Gestaltung der Gesellschaft einzuwirken. Paradoxerweise sind es oft die Menschen, die von "Integration" sprechen, die damit eigentlich nur Unterordnung unter den statu-quo der Gesellschaft meinen.
Die grundsätzliche Frage für die Gesellschaft ist: Ist das Ergebnis dieser Partizipation zum Wohle aller Menschen, wobei hier schon einmal die Frage ist, was das Wohl aller Menschen ist (viele Dinge in diesem Staat halte ich nicht für menschenwürdig), und auf welchen Wegen werden Veränderungen bewirkt. Für letzteres gibt es jedem Bürger zur Verfügung stehende Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung und bestimmte Rechtswege, auf denen sich auch gesetzliche Veränderungen bewirken lassen sollten.
Meine Beobachtung ist außerdem: Je mehr ein """"Muslim"""" im Sinne der westlichen Gesellschaft verroht, also je mehr Alkohol er trinkt, je übergriffiger er gegen andere Menschen wird, also je mehr sein Verhalten von dem abweicht, was einen guten Muslim ausmacht, desto mehr gilt er als "radikaler Muslim". Da ist natürlich schon deshalb paradox, weil ein "radikaler Muslim" eigentlich gar keinen Alkohol trinken dürfte.
Wenn die Gesellschaft heute von radikalen Muslimen spricht, sind das vor allem Muslime, die voll integriert sind und zwar mit allen schlechten Gewohnheiten, die man hierzulande als Gewohnheiten oder Freiheit der Persönlichkeit betrachtet (Patriarchat, Alkohol, Gewalt, Respektlosigkeit...). Wenn ich an die grässlichen Ereignisse in Köln denke: das ist das Ergebnis westlicher Freiheiten. In einem Scharia-Staat hätten sich die Leute nicht so benommen.
Das erlebt man auch bei manchen Menschen, die heutzutage einen "nicht-radikalen" Islam fordern. Die möchten als erstes die Hölle abschaffen und vermeintliche Angstpädagogik beseitigen. Vermutlich, weil man damit im Westen so gute Erfahrungen gemacht hat und die Menschen hier so schön angstfrei permanent Straftaten begehen.
Ein anderes Problem sind die Kritiker. Ich habe dazu auch öffentlich immer wieder etwas gesagt. Daher hier nur ein kurzes Statement zu den "Islam-Kritikern". Solange sie glauben, die Mehrheit der Muslime hätten ein derart stumpfes Islambild wie sie selbst, tragen sie nicht wertvoll zum Diskurs bei. Der persönliche Lebenslauf vieler Kritiker zeigt auch: Entweder geht es um Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, Bewältigung traumatisierender Familientragödien oder eine Rechtfertigung für die eigene Stumpfheit: Denn wenn ich glaube, dass der Islam an allem Schuld ist, kann ich meine persönlichen psychischen Probleme auf den Islam schieben, das Verhalten mancher Familienmitglieder und sogar meine eigene Blödheit ist dann nicht mehr meine eigene Schuld, sondern auch daran ist das System Schuld.
Solche Kritiker, die meistens intellektuell nicht sehr helle sind, werden dann liebend gern von den Massenmedien oder auch anderen Menschen aufgegriffen, um gegen den Islam feuern zu können. Gesprochen wird dabei immer von "radikalen Muslimen", was, so hoffe ich es deutlich gemacht zu haben, mehr ein unsinniger und unzutreffender Kampfbegriff ist.